Biennale am Ende der Welt (2007)

von Peter Funken



Man sagt das so einfach: "Am Ende der Welt ...", aber wenn man hinsieht, geht es immer weiter und in Feuerland, an der Südspitze des lateinamerikanischen Kontinents, inmitten einer Atem beraubenden Landschaft, wo die Anden in die Ozeane stürzen und die Antarktis kaum zwei Flugstunden entfernt ist, liegt an diesem Ende der Welt die südlichste Stadt des Planeten - Ushuaia, Argentinien, 60 000 Einwohner.

Dort fand im April und Mai zum ersten mal eine Biennale statt, an der mehr als 70 KünstlerInnen aus Lateinamerika, Europa, Kanada und China teilnahmen - und es war kein Ende, sondern ein Anfang, auch wenn dieser nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten ging. Veranstaltet wurde die "bienal del fin del mundo" von der "Patagonischen Kunststiftung" und kuratiert wurde sie von einem Dreigestirn: Leonor Amarante, Corinne Sacca Abadi und Ibis Hernàndez aus Brasilien, Argentinien und Kuba zeichnen verantwortlich für die Biennale, die in einer puristisch kargen Ausstellungshalle im Hafengebiet sowie im Stadtraum Ushuaias ihre Orte hatte.

Nun ist Ushuaia keine x-beliebige Stadt auf dieser Welt und in dieser Zeit. Vielleicht zeigen sich hier, an der Südspitze des "desillusionierten Kontinents", wie ihn Mario Vargas Llohsa genannt hat, die Widersprüche, Möglichkeiten und Chancen der Gegenwart noch deutlicher als anderswo. Selbst in Argentinien, das verglichen mit anderen Staaten Lateinamerikas seine politische und wirtschaftliche Stabilität zurück gewonnen hat, bildet diese Stadt die Ausnahme: Ushuaia ist Wirtschaftssonderzone und deshalb boom-town. Unternehmen genießen Steuerbefreiung, zudem gibt es hier antarktischen Tourismus und zahlreiche Wintersportmöglichkeiten. Gleichzeitig ist Ushuaia von städtebaulicher Dekomposition geprägt, die Siedlungen der Armen sind unübersehbar und die gesellschaftspolitischen Probleme greifbar.

Mit dem Beginn der Biennale fanden politische Demonstrationen statt - für die kostenfreie Schulbildung, die abgeschafft werden soll, und ebenfalls zum 25. Jahrestag des verlorenen Falklandkriegs. Deshalb wurden in Ushuaia, wo die Falkland-Islands (Malvinas) vor der Haustüre liegen, seltsam brutalistische Kriegerdenkmale instand gesetzt und der Vizepräsident der Republik kam zur Gedenkfeier. Auch die Vernissage der Biennale war nicht ganz frei von Politik. Zwar erschien der argentinische Kulturminister nicht zur Eröffnung, was eine Kunstkritikerin aus Buenos Aires als klare Absage an die Veranstaltung und die Gegenwartskunst wertete, dafür versammelte sich die politische Elite der Region und sogar Militärs in Uniform, allen voran der Bürgermeister, der die Eröffnungszeremonie durchführte indem ein blau-weiß-blaues Band zerschnitt und als erster die Ausstellung betrat.

Diese begann jedoch bereits im Außenraum vor der Halle, denn da befanden sich einige Kunstwerke, die zu den besten der Biennale zählten. Vor allem ist hier die Arbeit des argentinischen Künstlers Horacio Zabala zu erwähnen, der unter dem Titel "Die Wüste wächst" ein schäbiges Auto vor das Entree stellte, das wie nach einer Schlammkatastrophe von Innen und von Außen mit schmutzigem Erdreich bedeckt war. Diese bizarr einfache Arbeit kommentierte die Situation, die in vielen Teilen der Welt sowohl im Sozialen wie auch in Hinsicht auf die ökologische Bedrohung vorherrscht, dermaßen knapp und deutlich wie keine andere der Biennale, denn viele Beiträge befassten sich inhaltlich genau mit diesen Themen - den Katastrophen von Gesellschaft und Umwelt.

Ganz in der Nähe, an einer großen Straße war die die Installation "Casa Rosada" der bolivianischen Künstlerin Raquel Schwartz zu sehen. Sie hatte das Wartehäuschen einer Bushaltestelle vollkommen mit rosafarbenem Plüsch bezogen. Den Kern dieser Arbeit versteht man besser, wenn man weiß, dass das argentinische Parlament als "Rosa Haus" bezeichnet wird und somit die Differenz zwischen der Wartesituation in der Holzhütte und der Entscheidungsgewalt im Parlament deutlich wird. Die Menschen staunten nicht schlecht, dass sie nun in einem solch glamourösen Häuschen - mittlerweile begann es in Ushuaia zu schneien - auf die Busse warten sollten. Die brasilianische Künstlerin Shirley Paes Leme hatte mit immensem Aufwand einen archaisch anmutenden Zaun von mehr als hundert Metern Länge bis zur schlickigen Wasserkante gebaut. Diese land-art Skulptur bestand aus Fund- und Abfallholz und wirkte wie eine organische Barriere inmitten der Stadt und trat in Konkurrenz zu der Großskulptur aus aufeinander gestapelten Schiffscontainern des Kubaners Edgar Hechavarria. Sein Landsmann Kcho errichtete unweit entfernt in der historischen "Casa Beban" eine surreal anmutende Installation: Dort, wo man sonst anhand von Möbeln und alten Fotos Einblicke in das Leben einer Bürgerfamilie des 19. Jahrhunderts erhält, waren alle Einrichtungsgegenstände auf hölzerne Paddel gestelzt und unter die Decke gehievt. Dass das Meer, die Seefahrt und die alpinen Berge das Leben der Menschen in Feuerland bestimmen, war in der Ausstellungshalle unübersehbar. Zahlreiche Videoarbeiten befassten sich mit diesen Themen, vor allem mit der klimatischen Veränderung der antarktischen Region und der Bedeutung der letzten, unberührten Refugien im Eis.

Vielleicht war es keine glückliche Entscheidung, eine so große Anzahl von Videos, die von der antarktischen Natur, ihren Tieren, ihrer Gefährdung handelten, im Zentrum der Ausstellung zu vereinen, denn dadurch vermengten sich die visuellen Eindrücke und vor allem die Sounds der zum Teil hervorragenden Arbeiten: vor lauter Sturmgebrause, Wasserglucksen und Meeresbrodeln, Bildern von tauchenden Pinguinen und Seelöwen brachte man kaum noch die Konzentration auf, die einzelne Arbeit wahrzunehmen. Hier wäre mehr Trennschärfe gut gewesen, aber dies entsprach vielleicht nicht der Betroffenheit, die das Wissen um die globale Klimaveränderung ausgelöst hat.

Bemerkenswert waren die großen Fotoarbeiten des Brasilianers Caio Reiswitz, der mit seinen großen Landschaftsbildern, die Bedeutung von Natur- und Wasserreservoirs für die Mega-City Sao Paulo ins Blickfeld rückte. Einblicke in die knallharte gesellschaftliche Realität von Städten wie Sao Paulo oder Rio de Janeiro und die dort stattfindenden politischen Auseinandersetzungen gab das Video "Ethanol Molotov for Yankee Target" der "Grupo Bijari", die mit schnellen Cuts und rasanten Beats einen Agitprop-Film zum Thema des brasilianisch-amerikanischen Ethanol-Handels präsentierte. "Grupo Bijari" versteht ihre Arbeit als ein agitatorisches Element zur Abwehr des ökologischen Ausverkaufs Brasiliens und nutzt dafür die Möglichkeiten des Video-Clips. Die Mitglieder der Gruppe verstehen sich als eine oppositionelle Avantgarde, die man in dieser Radikalität im westlichen Kunstkontext kaum noch antreffen wird, doch ist auch die gesellschaftliche Realität in Brasilien um vieles härter und ungerechter als die in Europa. Hier etwa wurden Unterschiede von lateinamerikanischen und europäischen Künstlern in Hinsicht auf ihren Auftrag und ihr Selbstverständnis erkennbar, die noch an einem weiteren, eher Kunst immanenten Beispiel erläutert werden sollen: In der Ausstellungshalle befand sich im Eingangbereich eine Tafel, die das Kuratorenteam und alle Sponsoren nannte, jedoch nicht die Namen der teilnehmenden Künstler. Dafür wäre auf der gegenüberliegenden Wand noch genug freie Fläche gewesen - die aber blieb leer, die Urheber der Kunst fanden keine Erwähnung! Von Seiten der Künstler wurde dies zwar registriert, aber nur von einigen Europäern und Kanadiern kritisiert, obwohl doch dieser Affront den Status aller Künstler betraf. So entstand der Eindruck, dass sich die Vorstellungen von der Künstlerprofession auf den Kontinenten doch noch ziemlich unterscheiden.

Dies lässt sich gewiss durch unterschiedliche Formen der Abhängigkeit begründen und soll natürlich keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass auch in Europa kein heterogenes Bild in Hinblick auf die Bedeutung von Künstlern und Kunst existiert. Ein großer Gewinn dieser Biennale lag bestimmt darin, dass sie Künstler aus vielen Staaten Lateinamerikas mit Kollegen anderer Erdteile zusammen führte und einen Austausch berufsspezifischer Erfahrungen ermöglichte, wohnten doch so gut wie alle Beteiligten für eine ganze Woche im gleichen Hotel.

Einmal abgesehen von den politischen Diskrepanzen auf den Kontinenten, im Einsatz von künstlerischen Strategien und im Umgang mit Medien wie Foto und Video konnte man eigentlich keine Unterschiede in den ästhetischen Strategien entdecken. Die moderne Kommunikationstechnik hat mittlerweile tatsächlich dafür gesorgt, dass es ein weltweites Bewußtsein über künstlerische Standards gibt.

Der Biennalebeitrag aus Deutschland bestand in dem Video-Loop "Milk-Maid" der in Berlin lebenden Bulgarin Mariana Vassileva, die ein berühmtes Bild Vermeers filmisch so umgesetzt hat, dass die Milch, die die Magd ausgießt, für immer zu fließen scheint, ganz so, als wäre die Zeit in der Geschichte der Kunst ein unzerstörbares Kontinuum, das alle Epochen umfasst. Ein solcher Gedanke wurde durch die ihr gegenüber stehende Installation des Brasilianers Flamino Jallageas relativiert, denn anders als bei dem harmonisch-meditativem Film Mariana Vassilevas, ging es bei seiner Arbeit um Widersprüche, Gefahren und Brüche. Um seine Arbeit zu realisieren, mußte der Künstler wie ein Akrobat agieren. Nur durch dünne Drähte gehalten, saß er gefährlich frei im Raum in 5 Meter Höhe auf einem Stuhl hinter einer Nähmaschine. Er nähte eine schwarze Linie auf eine Papierbahn, die immer länger werdend, langsam zu Boden glitt. Dass er sich einen solch unsicheren Ort gewählt hatte, dass er seine Arbeit immer wieder unterbrechen musste und dass er wie bei einem Drahtseilakt kletterte, um an seinen Platz zu gelangen, war unübersehbar und vermittelte wie in einer lebendigen Allegorie eine Vorstellung davon, welcher Aufwand nötig ist, um ein würdiges Leben in Arbeit verbringen und welcher Anstrengungen es bedarf, sich an einem solch unsicheren Ort zu halten.

Gespannt darf man sein, ob sich die Biennale von Ushuaia als argentinisches Festival etablieren kann - nicht alles spricht dafür - aber es wäre wünschenswert, weil Begegnungen dieser Art nicht nur den Horizont erweitern, sondern hoffentlich auch dazu beitragen, das Ende der Welt zu verhindern.

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