"AAAAAAAAAAAAAAAAAGH! (war face)" - Überlegungen zu einer neuen Skulptur von Michael Just

von Peter Funken


 

Wie in der Überschrift geschrieben - bestehend aus 19 Buchstaben in Versalien plus einem Ausrufezeichen - aber natürlich nicht plan, sondern dreidimensional und skulptural, so begegnet uns Michael Justs Beitrag zur Ausstellung "believe me!" im Düsseldorfer KIT. Zusätzlich betitelt der Künstler seine zirka zwölf Meter lange Arbeit mit "war face". Damit bezieht er sich auf den Herkunftsort dieses Ausrufs oder Schreis, denn um einen solchen handelt es sich: in seiner plastischen Buchstabenreihe zitiert Michael Just ein Kriegs- oder Seelengeräusch, das er in einer Sequenz des 1987 entstandenen Vietnam-Kriegsfilms "Full Metal Jacket" von Regisseur Stanley Kubrick entdeckt hat. (1)

Die Szene steht am Anfang des Films, als Ausbilder Gunnery Sergeant Hartman einen ihm anvertrauten Rekruten anbrüllt und auffordert, ihm sein "war face" - sein "Kriegsgesicht" - zu zeigen. Es ist der Befehl, völlig aus sich herauszutreten und martialisch zu schreien. Die Antwort des Rekruten Joker ist ein langes, laut herausgepresstes "AAAAAAAAAAAAAAAAAGH!", das den Sergeant nicht völlig überzeugt.

Im Filmscript ist der von Joker ausgestoßene Urlaut bis auf den ersten Buchstaben klein geschrieben und damit begegnet uns in der formalen Umsetzung des Textes zu einer Skulptur bereits ein Stück künstlerischen Eingreifens und eine gestalterische Freiheit, die aus dem Vorgefundenen etwas Eigenes und Unabhängiges macht. Man sollte sich also nicht täuschen lassen und sich davor hüten, Michael Justs Arbeit als eine Form der Antikriegskunst zu begreifen, doch bekommt die Skulptur durch das Wissen um die Herkunft des Schreis gewiss auch eine Konnotation, die um die Schrecken des Kriegs und die Manipulation von Menschen weiß.

Es handelt sich um ein Zitat, aber der Kontext, in den Michael Just es verschleppt hat, macht aus ihm etwas seltsam Vages, das, obzwar lingual entstanden, ohne semantische Bedeutung bleibt. Jenseits des Filmplots und zur Skulptur geformt, ist dieser Ausruf seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt. Die Skulptur steht also für sich, doch im Unterschied zum Gros dreidimensionaler Arbeiten besitzt sie die Eigenschaft, im Sinne eines Textes lesbar zu sein und allein dadurch hat Michael Justs Arbeit eine Richtung, nämlich die des Lesens, von links nach rechts.

Der Künstler hat die Buchstabenfolge aus Aluminium gießen und die Oberflächen der plastischen Lettern in dunklem Grau eloxieren lassen, so dass die Skulptur glanzlos beschichtet und ohne Hinweis auf das darunter befindliche Alumaterial, den Ausstellungsbereich durchzieht, in dem Michael Just seine Skulptur installiert hat. Es ist eine Stelle im Kunsttunnel, die der Arbeit ihren besonderen Look, ihre besondere Präsenz gibt - nämlich dort, wo Boden und Decke sich immer näher kommen und ursprünglich die ans Tageslicht führende Ausfahrt geplant war. Michael Just hat seine Skulptur auf ein weißes, keilförmiges Podest plaziert, das nach hinten immer niedriger wird und schließlich den Boden berührt. Dadurch hebt sich die Skulptur deutlich vom Boden ab und bezieht sich in ihrer Präsentation auf die räumliche Situation im Raum.

Aufgrund der Größe sowie der graphischen Struktur des sich siebzehn mal wiederholenden "A" entsteht der Arbeit eine spezielle Form, die nach oben hin gezackt erscheint, im unteren Bereich weit gehend offen ist und in mittlerer Höhe aufgrund des Querstrichs beim "A" eine gebrochene, horizontale Linie zeigt, die etwas Verbindendes darstellt. Die lesbare Buchstabenreihe wird als Skulptur zu einem Objekt, in dem Aspekte minimalistischer Kunst erkennbar sind. Doch anders als in der Minimal-Kunst gibt es hier Referenzen, etwa zu den Bereichen Sprache und Film. Insofern ähnelt Michael Justs Arbeit in formaler Hinsicht einer Minimalskulptur, denn sie verweist vor allem auf sich selbst.

Aus dem vordergründig bedeutungsleeren Wort ist eine konkrete Skulptur geworden, bei der die pure plastische Anschaulichkeit mit ihrer Lesbarkeit konkurriert - dabei scheint der skulpturale Aspekt über den Schriftcharakter zu obsiegen. Man kann diese Arbeit aufgrund dieser zweifachen Präsenz - als Plastik wie als Text - durchaus als einen Beitrag zur konkreten Poesie begreifen, vor allem aber als eine Form der Appropriation, die ihre Kontextualisierung sowohl in der Concept-Art, in der Pop-Art wie im abstrakten Expressionismus findet. Die Assoziationsketten reichen dabei von Roy Lichtensteins lautmalerischen Comic-Adaptionen ("WHAAM", "BLAM", "POW") bis hin zu Schriftarbeiten von Konzeptualisten wie Bruce Nauman, Jenny Holzer oder Christopher Wool - etwa dessen Bildern in Kastenschrift. Natürlich reicht die Geschichte einer "wörtlichen Kunst" viel weiter ins 20. Jahrhundert zurück: sie beginnt mit den Collagen und Materialbildern der Kubisten und Futuristen und verästelte sich seitdem dermaßen differenziert und facettenreich, so dass das Thema von Schrift und Kunst nicht nur groß, sondern sogar unübersichtlich geworden ist. Doch lässt sich die leere Geste des gedehnten Ausrufs sogar mit den tachistischen Pinselhieben abstrakter Expressionisten vergleichen, denn auch ihre gestisch-freien Farbschwünge erzeugten keine eindeutig definierten Bedeutungen, wie sie etwa Symbole oder Figurendarstellungen bezeichnen, und blieben deshalb im Sinne der Semantik offen, sich selbst genügend, jedoch voller Anspielungen. Beim Action-Painting bezeichnen die aus der Bewegung resultierenden Pinselschwünge vor allem künstlerische Intensität, sie sprechen vom Ausdruck und handeln von Farbempfindungen. Als malerische Expressionen verweisen sie jedoch vor allem auf sich und ihre Existenz im Bildraum und benennen dabei keinen exakten Inhalt - ganz ähnlich wie die von Michael Just zitierte vorgestellte Letternreihe bei seiner Skulptur "AAAAAAAAAAAAAAAAAGH! (war face)".

Der Künstler versteht den Ausruf als ein linguistisches Fundstück, als eine besondere Art des object trouvé, das er in der Freiheit skulpturalen Handelns aufgreift und zu einem manifesten und anspielungsreichen Gegenstand gestaltet. In der Uneindeutigkeit der sprachlichen Äußerung, bei gleichzeitiger konkreter Anwesenheit im Raum, entwickelt seine Skulptur dabei eine besondere Form von Realismus. Es ist ein Realismus des Konkreten.

Michael Justs Skulptur begegnet uns somit als ein dreidimensionales Objekt mit den Mitteln des Plastischen und Lingualen, ohne dass ihm eine tatsächliche Bedeutung im Sinne der Sprache entstünde. Aber - und dies ist wichtig - entsteht mit dieser Arbeit eine Bedeutung als Form des plastischen oder bildhauerischen Arbeitens. Sinn ergibt sich dergestalt bei dieser Skulptur primär in ihrem Dasein als Kunstwerk, denn wie etwa Firmenlogos, die aus sich heraus auch keinen unmittelbaren Sinn erzeugen, ist Justs Skulptur an einen speziellen Ort gebunden. So, wie ein dreidimensionales Supermarkt-Logo immer in unmittelbarer Nähe zu der gemeinten Verkaufsstelle erscheint, so ist Michael Justs Skulptur ein Gegenstand, der für Kunstorte entwickelt wurde, denn nur dort entwickelt sich ihr Sinn und ihre Bedeutung als eine unideologische und subjektive Formulierung, die auf Geschichte verweist - auf die ihrer Entstehung durch Transformation, wie auch auf die Geschichte der Kunst und ihre Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert. "AAAAAAAAAAAAAAAAAGH! (war face)" ist dergestalt Kunst - ausschließlich Kunst und Skulptur - dies um so mehr und um so prägnanter, als sie keinen unmittelbaren sprachlichen Sinn produziert.

Gleichwohl gibt es im Werk Michael Justs Arbeiten, die zu dieser in einem direkten Verhältnis stehen: gemeint ist etwa die 2007 entstandene Installation "vertical / diagonal (white - orange)", in der zwar keine Buchstaben erscheinen, die aber ebenfalls aus diagonalen, sich wiederholenden und sich berührenden Linien besteht. Damit ist sie in ihrer graphischen Struktur durchaus vergleichbar mit der A-Reihe. Wird bei der flachen, aus Rigipsplatten gefügten Installation "vertical / diagonal (white - orange)" die Vertikale betont - immerhin ist diese Arbeit über sieben Meter hoch - so hat das für "believe me!" entwickelte Werk eine überdeutliche Betonung in horizontaler Richtung. Auch bei der gleichfalls 2007 entstandenen Laserprojektion "The Up-Down-Bottom-Top-Strange-Charm Symphony" arbeitete Michael Just mit einem diagonalen Liniensystem, das wie bei einem Scherengitter, horizontal angelegt wurde. Anders als bei diesen beiden Arbeiten, entsteht bei Michael Justs Beitrag zur Ausstellung "believe me!" kein auf die Op-Art verweisender Eindruck, denn die vage semantische Ebene, also die Lesbarkeit des Schriftbildes, drängt sich im Sinne eines Op-Art Effekts viel weniger deutlich in den Vordergrund. Dennoch existieren zwischen den drei Arbeiten formale Ähnlichkeiten in Hinblick auf ihre Bildhaftigkeit, denn wie die beiden zum Vergleich herangezogenen Skulpturen, so besitzt auch das lang gedehnte "AAAAAAAAAAAAAAAAAGH!" einen Bildcharakter. Ähnlichkeit besteht bei all diesen Skulpturen ebenso in Hinsicht auf ihre markante Präsenz im Raum und die damit gewährleistete plastische Unübersehbarkeit. Letzteres alleine wegen der großen Dimension aller drei Arbeiten, die immer für spezielle Raumsituationen geplant wurden. Damit ist diesen Skulpturen ein Ereignischarakter gemeinsam, der vor allem ihre Wirkung und ihr Funktionieren im Raum zur künstlerischen Grundlage hat und diese zu ihrem Anliegen macht.

Mit "AAAAAAAAAAAAAAAAAGH! (war face)" zeigt Michael Just eine Erweiterung seines skulpturalen Konzepts, weil er in der Freiheit der Ideenfindung nunmehr auch auf Dinge oder Situationen zugeht, wie eben auf eine rein sprachliche Äußerung in einem Film, und diese als Ausgangsmaterial und Rohsubstanz verwertet und in den selbst bestimmten Kontext seiner Werkentwicklung einfügt. Somit ist eine neue Tür geöffnet und vielleicht sogar ein weiteres Spielfeld für sein plastisches Arbeiten entstanden.

Das zentrale Interesse des Künstlers besteht gleichwohl immer in der konkreten Formulierung für den Ort. Es geht ihm also um eine Beziehung zwischen architektonischer und skulpturaler Form, in der keine determinierte, sondern eine freie, offene und zugleich präzise plastische Aussage - dies zu den Bedingungen der Kunst und des dreidimensionalen Arbeitens - getroffen wird.

1)
Der Filmtitel "Full Metal Jacket"bezieht sich auf die englischsprachige Bezeichnung für ein Vollmantelgeschoss (= full metal jacket bullet).

 

*1: Vielleicht könnte man hier die Formulierung etwas ändern. Zufriedengestellt ist er ja im Prinzip nicht wenn er sagt "you didnít scare me, work on it..."
*2: Eigentlich nicht ganz ohne Hinweis, aber sicher erstmal nicht eindeutig. Die Spuren vom Guß sind sichtbar, man kann bei genauem Hinsehen den Herstellungsprozess erkennen.
*3: Ich würde evtl. einen anderen Begriff als "Sockel" vorschlagen. Denn ein klassischer Sockel ist es ja eigentlich nicht, eher vielleicht ein keilförmiges Podest. Ich denke, daß dieses Podest nach hinten immer niedriger wird und schließlich den Boden berührt ist ein wichtiger Punkt sowohl im Hinblick auf eine Korrespondenz mit dem Raum als auch auf eben diesen Punkt, daß sich diese Kostruktion vom klassichen Sockel ja schon unterscheidet.
*4: Hier würde ich evtl. hinzufügen, daß das nur im Sinne des Aspektes der minimalistischen Skulptur gilt. Meine Arbeit verweist ja durchaus auf etwas, im Gegensatz zur Minimalskulptur, der sie in formaler Hinsicht ähnelt.
*5: Hier habe ich etwas Bedenken bei der Aufzählung der Künstler (die ich ja genannt habe...). Ich denke, es wäre besser, wenn man das ein bißchen zurücknehmen könnte. Evtl. bräuchte man die abstrakten Expressionisten gar nicht namentlich aufzählen. Oder womöglich kommt man auch ganz ohne Künstlernamen aus? Was meinst Du? Der Bezug und die Einordnung in die Kunstgeschichte muss nicht zu stark werden, sonst kommt mir das vor wie eine Rechtfertigung. Ja, das stimmt - ich nehme die Namen der Expressiven raus .... alle Namen würde ich nicht rausnehmen - denn mit diesen Namen bieten wir den Lesern eine Möglichkeit selber mitzudenken und herauszufinden, ob sie sich der dargestellten Meinung anschließen wollen.


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