Gestaltungen für den Frieden
- über Dani Karavans Retrospektive im Martin-Gropius-Bau

Berlin, 14. 3. - 1. 6. 2008

von Peter Funken



Der israelische Künstler und Bildhauer Dani Karavan ist ein weltweit bekannter Gestalter von Skulpturen, Architekturen und Environments im öffentlichen Raum. Seit den 1960er Jahren hat Karavan vor allem durch seine ortspezifischen und thematischen Plastiken von sich Reden gemacht. Im Martin-Gropius-Bau zeigt eine großl; angelegte Ausstellung seine Werkentwicklung in all ihren Facetten - beginnend mit den frühen Zeichnungen und Ölbildern des Künstlers, den späteren Bühnenbildern, den minimalistischen Skulpturen, Garten- und Wandgestaltungen, aber vor allem beeindrucken bei dieser Retrospektive Karavans große Mahn- und Denkmale der letzten Jahrzehnte.

Als Sohn polnischer Emigranten, wuchs der 1930 geborene Künstler in Tel Aviv zusammen mit arabischen Kindern in einer multikulturellen Gesellschaft auf.
Durch seinen Vater, der Landschaftsarchitekt war, lernte er früh, wie man wild wachsende Vegetation in Garten- und Parkanlagen integriert, eine Wasserlinie zieht und Landschaft gestaltet. Wasserlinien, Sanddünen, Kakteen, Oliven- und Orangenbäume sind für den Künstler Karavan bis heute wesentliche Gestaltungselemente geblieben.

Vollends bekannt wurde er durch das beeindruckende "Negev Monument" (1963 - 1968) im israelischen Beer Sheva. Aus grauem Beton, Wasser, Wüstenakazien, Texten, Sonnenlicht und Windorgeln erschuf Karavan in der Wüste auf einer Fläche von 100 x 100 Metern eine Gedenkstätte für den Kampf der Palmach-Brigaden im israelischen Unabhängigkeitskrieg der Jahre 1947 bis `49. In archaischer Klarheit ist um einen 20 Meter hohen Turm eine abstrakt-geometrische Formation von Rampen, Halbkugeln und Rechteckformen gebaut. Das Ensemble ist ein machtvolles, tektonisches Skulpturengefüge und wirkt doch auch wie eine Siedlung oder ein Lager, das aus der Steinwüste herausgewachsen ist. Auf der Wind umtosten und Sonnen durchglühten Hügelkuppe erscheint das Monument als beeindruckendes Signal der Behauptung. Dani Karavan betonte später die große Bedeutung, die das Monument für sein Schaffen darstellte: "Dort, auf jenem Hügel, ..., entstand in den frühen 1960er Jahren meine skulpturale Sprache, mein Alphabet. Dies ist die Sprache, die ich in der Folge weiterentwickelt habe und die ich nach wie vor benutze, um meine Skulpturen zu errichten."

Eine andere bedeutende Gestaltung Karavans ist die 1993/94 im südfranzösischen Gurs realisierte Gedenkstätte für die Gefangenen des KZ Gurs. Diesen, erst spät wieder ins historische Bewusstsein gerückten Ort der Verfolgung - von Gurs wurden ab 1940 viele französische Juden in die Vernichtungslager deportiert - hat Karavan auf unspektakuläre aber eindrückliche Weise gestaltet, indem er einen ins Tote und Leere laufenden Schienenstrang, ein Stacheldrahtverhau und das aus Holz gezimmerte Skelett einer Baracke installierte.

Karavan ist ein international agierender Künstler, aber die meisten Environments hat er in Deutschland realisiert. Seine Werke finden sich in Nürnberg, Regensburg, Duisburg, Düsseldorf, Goslar, Gelsenkirchen, Berlin und Köln. Es sind allesamt Arbeiten, die sich auf den jeweiligen Ort und oft auf seine Geschichte einlassen. Beim "Germanischen Nationalmuseum" in Nürnberg, also dort, wo 1935 die "Rassegesetze" beschlossen wurden, installierte Karavan 1993 die "Straße der Menschenrechte" - einen Gang mit 30 Säulen sowie Artikeln der Menschenrechts-Charta.

Nicht alle Arbeiten Karavans sind historischer und politischer Art, und so ist seine Gestaltung für das Plateau am Kölner Ludwig-Museum unweit des Rheins, als Ort der Kommunikation zu begreifen, der auch "Entferntes" einbezieht.
In Cergy-Pontoise bei Paris hat Karavan eine Kilometer lange, schnurrgerade Achse (Axe Majeur) gestaltet. Es ist eine Verbindungslinie und eine begehbare Skulptur, die durch einen Park und über Brücken führt und in der Stadt mündet. Auch bei dieser umfangreichen Landschaftsgestaltung stellte Karavan einen kalkulierten Mix von klassisch anmutenden Elementen - Säulen, Quadern und Pylonen - und einer modernen Formensprache her. Auf dem gesamten Weg wird der Passant von fließendem Wasser begleitet.

Wasser - diesmal als Strudel im Meer - war auch Ausgangspunkt für Karavans berühmte Arbeit, einer mit "Passagen" betitelten Hommage an Walter Benjamin, die 1994 im spanischen Portbou eingeweiht wurde. Die Gedenkstätte befindet sich unmittelbar an der französischen Grenze, dort wo sich Walter Benjamin, der jüdische Philosoph deutscher Herkunft, auf der Flucht vor den Nazis 1940 das Leben nahm. Die Besucher des am Ufer des Mittelmeers gelegenen Environment aus Cortenstahl, Glas, Felsen und Brandung schreiten über eine Stahlschwelle zum Eingang eines schmalen, in den Fels geschnittenen Korridors, dessen Treppenstufen steil und unabsehbar in die Tiefe führen. Ein Ende ist nicht zu erkennen, doch wird ausschnitthaft der Blick auf einen Meeresstrudel freigegeben. Auch wenn sich eine beschriftete Glastafel als Trennwand dazwischen schiebt, so wird das Auge vor allem von einem Naturschauspiel gebannt - der im Wasser liegenden, von Wogen umspülten Felsbank, sodass ein mächtiger Strudel entsteht. Hier wird die Realität der Natur zum Ort der Meditation. Dani Karavan begreift die permanente Verwandlung der Natur als Metapher des Schicksals des flüchtenden Benjamins, wie auch als Hommage an alle "Namenlosen" und äußerte: "Die Natur erzählt die Tragödie dieses Mannes, die Natur trauert um ihn." Eine solche Wahrnehmung korrespondiert mit Karavans Auffassung vom Verhältnis zwischen Mensch und Natur: "Alles, was die Menschen wissen, geht auf die Natur zurück. Alle Formen, ob verborgen oder offen, finden sich in der Natur. Selbst Dinge, die nur in der Imagination oder im Unbewussten existieren, entstammen der Natur."

In der Verbindung von Natur und Gestaltung, Metapher und Ort gelingt es Dani Karavan immer wieder, Situationen voller Bedeutung zu erschaffen. Es sind sinnliche Erfahrungsräume, die die Besucher herausfordern, sich auf die ungelösten Fragen der Geschichte einzulassen oder einen Ort vergangenen Geschehens als Ort der Gegenwart wahrzunehmen. Im Sinne seiner Philosophie sind seine Gestaltungen Arbeiten für den Frieden, für Toleranz und Respekt.

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau ist ein Beitrag zum 60. Gründungsjahr des Staates Israel.
Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog (407 S.) im Ernst Wasmuth Verlag erschienen. ISBN: 978 3 80303325 3, Preis: in der Ausstellung 25,- Euro, im Buchhandel 49,80 Euro.

top