Peter Funken - Texte zur Ausstellung
"Die Stadt auf dem Floss"


 

 

 

Über die Linie

Striche, Linien, Punkte, Schwünge und Schraffuren - ein Stift zieht durch das Gelände des Papiers. Er findet in Zeilen den Weg von links oben nach rechts unten. Solches Tun ist einer Konvention und Tradition verpflichtet, denn die Zeichen bilden Buchstaben - dieser ist ein "U", jener ein "R", ein anderer ein "k". Die Buchstaben bedeuten etwas, gemeinsam bilden sie Worte, die man lesen, denken, sprechen, singen und verstehen kann. Die Wörter bilden mit der Schrift den Text, der aus zusammen gestellten Zeichen besteht. Diesen Vorgang nennt man Schreiben.
Lockert man die Regeln des Schreibens nur ein wenig, so wird daraus ein freies Schweifen auf dem Papier, ein grafisches Herumfahren oder Herumirren, ein Durchkreuzen und Durchqueren, das Finden von Strukturen, von linearen oder geometrischen Formen.
Die Handlungen sind beim Schreiben und Zeichnen verwandt: Schreiben und Zeichnen - beides entsteht durch die Bewegung eines Punktes, der Spuren hinterlässt auf dem Untergrund.
Schreiben und Zeichnen unterscheiden sich auch: Die Schrift stellt ein Bild, eine Vorstellung im Kopf her. Dies geschieht mit vielen oder wenigen Zeichen. Das gezeichnete Blatt hingegen, stellt ein Bild dar, das mit den Augen gesehen und im Kopf gedeutet wird, oder auch nicht.

 

 

 

Die Stadt

Eine Stadt der Stärke, eine Stadt der Schwäche, eine gepanzerte Stadt, eine offene Stadt, die verlassen wurde - oder sind ihre Bewohner nur unsichtbar oder vergessen? Die großen Turbinen und Schwungräder des Fortschritts stehen still. Manchmal springt eine schwere Niete aus den Stahlplatten, die diese Welt zusammenhält. Im Bahnhof vergeht die Zeit so langsam. Es ist still, träge trieft Öl aus den Röhren in die Kanäle des Untergrunds. Der Zeichner sitzt in seinem Zimmer. Er fragt: "Wer seid Ihr?" - doch die Städte bleiben stumm, nur ein loses Schott antwortet und schlägt im Takt der stürmischen See. Außerhalb der Städte steigen die Pegel. Langsam drückt sich das Wasser in die Straßen und überflutet die Plätze. "Bald wird es Zeit zu Gehen ...", denkt der Zeichner und zieht den Knoten seiner Krawatte fester.
Am nächsten Tag gleiten drei Sehnsuchtskugeln über die verrußten Kamine. Die Zeitungen berichten davon. Sie schreiben, dass noch viele Kugeln erwartet werden, schon bald sei die Ära des Kubismus vorbei. Mit den Kugeln, den Wellen und dem Wasser werde ein neues Zeitalter beginnen. "Aquarius", denkt der Zeichner, " ... wir werden in einem Aquarium aus Stein und Stahl leben". Er wartet, trinkt Tee und träumt davon, zu fliegen. An diesem Abend geht er nicht zu Bett. Am morgen sitzt er am Tisch und schaut aus dem Fenster, doch es hat sich nichts verändert: Die Räder stehen still, die Uhren ticken langsam, in großer Entfernung heult eine Sirene. Er nimmt den Stift und beginnt - er zeichnet Krisenräume, Zukunftsorte, er zeichnet seine Unzeit aus der Erinnerung, er zeichnet und zeichnet ...

 

 

 

An der Styx

Sie lagerten an einem Nebenfluss der Styx. Es wurde Nacht. Die Natur war auf ihrer Seite. Ein stillgelegter Kran drehte sich langsam im Wind, dann gegen den Wind. Das Wasser war schwarz, lauwarm und wenn man hineinlangte, fühlte es sich klebrig an. Das kam von den Chemikalien, die aus den Rohren hinein flossen.
Die Pinasse war halb voll gelaufen. Das Leck war doch größer, als sie vermutet hatten. Heißes Öl tropfte träge aus dem beschädigten Motor und versickerte durch ein Loch im Boden.
Tief zog eine weiße Wolke von Westen auf, im Osten herrschte bereits völlige Dunkelheit. Eine Glocke bimmelte von Ferne Sturm. Niemand außer ihnen war hier gestrandet. Sie waren die einzigen, die soweit gekommen waren, die einzigen, die die Katastrophe früh genug bemerkt hatten. Die weiße Wolke kam näher, aber sie war nicht wirklich weiß, wie man nun erkannte, in ihrem Inneren war sie giftig gelb. Langsam zog sie über ihre Köpfe nach Osten ab.

 

 

 

Versuch einer Rettung

Als der Zeichner an diesem Tag das Haus verließ, hatte er keinen Plan wohin er gehen sollte. Er wollte die Sehnsuchtkugeln anschauen, von denen in den Zeitungen geschrieben stand. Er blickte zum Himmel und sah die kolossalen Kugeln in großer Höhe. Sie schimmerten golden und weiß und standen ganz still. Man vermutete, dass sie sehr wertvoll seien und auch das große Heilmittel gegen Krisen, Katastrophen und Bedrängnisse wären.
Leider stieg das Wasser von da an immer schneller, immer höher - der Zeichner bekam nasse Füße. Auf der Straße, kurz bevor er zuhause war, sah er zum ersten Mal eines der tiefen Löcher und auch die gewaltigen Risse, die entstanden waren, als der Zusammenbruch der kubistischen Welt begann und nicht mehr aufzuhalten war.
Ob der Zeichner im Folgenden von Stahl- und Eisenplatten erschlagen wurde, ob er im steigenden Wasser ertrank oder zerdrückt wurde, ist genauso wenig nachzuprüfen, wie die Vermutung, dass er es vielleicht zusammen mit einer sehr kleinen Gruppe geschafft habe, eine Pinasse zu besteigen, um die Styx hinaufzufahren, um sich zu retten.

 

 


 

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