Double Sexus
Hans Bellmer - Louise Bourgeois.

Sammlung Scharf-Gerstenberg / Staatl. Museen zu Berlin
24.4. - 15.8.2010

von Peter Funken



Bei dieser Ausstellung treffen zwei Künstlerpersönlichkeiten aufeinander, die sich nie begegnet sind, die aber - und das beweist "Double Sexus" eindrücklich - in ihrer Wahrnehmung und in ihrem Werk bemerkenswerte Parallelen und Gemeinsamkeiten besaßen. Die Ausstellung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg zeigt rund 70 skulpturale, zeichnerische und fotografische Arbeiten und wird ab Herbst des Jahres im Gemeentemuseum Den Haag/NL zu sehen sein.
Der Surrealist Hans Bellmer lebte von 1902 bis 1975, zuerst in Berlin und später in Paris. In Berlin schuf er 1934 seine erste Puppe, eine aus Gesichtsmaske, echtem Haar, Gliedmaßen, Strümpfen, Lackschuhen und Scharnieren gefertigtes Konstrukt in der natürlichen Größe eines Mädchens. Zu dieser Arbeit wurde der Künstler, der in Berlin George Grosz, und die Brüder Herzfeld kennen lernte, auch durch seine, als nymphenhaft beschriebene Cousine Ursula angeregt. An der Puppen, mehr noch, an ihrem fotografischen Abbild, arbeitete Bellmer fast sein ganz Leben. Thema seiner Kunst war die Darstellung des weiblichen Körpers, oszillierend zwischen Erotik und Sexualität, Lust und Schmerz, in radikaler Form voyeuristisch, im Wissen um die Macht des Blicks im Sinne männlicher Fantasien. Bellmers Puppe und ihre Fotos sind erschreckend schön, genau wie seine Zeichnungen, die filigrane Präzision, Härte und weiches Verfließen vereinen. Bellmers Zeichenkunst hat unter anderem das grafische Werk von Dieter Roth inspiriert.
In der Verbindung von Mechanik und illusionistisch Realem scheinen Bellmers künstliche Puppenwesen letzte, gescheiterte Nachfahren der Automaten von Vaucanson und Jaquet-Drosz zu sein, die aber nicht länger fleißig auf dem Piano spielen oder Sätze aufs Papier schreiben, sondern als Zerlegte und Zerstückelte davon Zeugnis geben, wie tödlich erstarrt das Leben, wie abgründig Sexualität sein kann. Bellmer fand mit den Fotos seiner Puppen große Zustimmung bei den Pariser Surrealisten. 1934 publiziert ihre Zeitschrift "Minotaure" (Bd. 6) eine Doppelseite mit achtzehn Fotografien der Puppe unter dem Titel "Variationen über die Montage einer gegliederten Minderjährigen". Mit solchen Arbeiten berührte Bellmer in seiner Zeit Tabus, doch nichts an seiner Kunst ist pornografisch, vielmehr ist sie sezierend scharf und intim, entblößend, offenbarend und erotisch. In der gleichen Minotaure-Ausgabe schreibt André Breton über Duchamps "Großes Glas / Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt", sogar:
Betrachtet man das "Skelett der Braut" und Vorarbeiten zum "Großen Glas", etwa das Bild "Passage von der Jungfrau zur Braut", so erkennt man bei Duchamp und Bellmer ein durchaus ähnliches Interesse an mechano-erotischen Darstellungen.
Die Berliner Ausstellung jedoch stellt einen Kontakt zwischen Bellmer und Louise Bourgeois her, sie eröffnet einen Diskurs, der dem männlichen Blick, den einer Frau gegenüberstellt. Dabei entsteht etwas Außergewöhnliches, denn neben Gemeinsamkeiten in der Faszination für Erotik, Schmerz und Gewalt, lassen sich die Unterschiede im Wahrnehmen und Verarbeiten angstvoll besetzter Bereiche begreifen - dies betrifft nicht nur die Perspektive, sondern auch die Wahl des Materials und der Methoden. Bellmer vertraute vor allem der Inszenierung durch die Fotografie, die er oft handkolorierte. Bei Bourgeois finden sich mit der Verwendung von Stoffen und Wolle und der Technik des Nähens eher weibliche Praktiken. Beide Künstler waren Kinder ihrer Zeit und standen im Handgemenge mit ihr. Sie wuchsen in problematischen Familienbeziehungen auf: Bourgeois hat immer vom Hass und der Hassliebe zu ihrem Vater gesprochen. Bellmers Vater wird als Tyrann beschrieben, der massiven Druck auf seinen Sohn ausübte. Mit der Kunst geschieht für beide der radikale Bruch mit der väterlichen Gewalt - es ist ein Ausbruch in die künstlerische Freiheit, das Sichtbarmachen von Trauma, persönlicher Tragödie und Ausweg.
Obwohl Bourgeois in Paris über André Bretons Galerie wohnte, hatte sie keine nähere Verbindung zu den Surrealisten. Auch in New York, wohin sie 1938 mit ihrem Mann, dem Kunsthistoriker Robert Goldwater, zog, gab es nur lose Kontakte zu den im Exil lebenden Surrealen. Nach dem Krieg in Paris rät ihr Leger zur Bildhauerei. "Ich habe mein Leben lang Angst gehabt", sagte Bourgeois, ihren ersten großen Werkkomplex, die spitzen, stachligen "Personnages" (1947-1950), kommentierte sie mit "in ängstlicher Starre". Erst zu Beginn der 1960er Jahre fand sie zu weichen Materialien wie Latex und zu organischen Formen. Spät erst Bourgeois wird ihr Werk der Öffentlichkeit bekannt. 1982 widmet ihr das Museum of Modern Art, NY, eine Retrospektive, als erster Frau, sie ist damals 71 Jahre alt. Für das Frontispiz des Katalogs fotografierte Robert Mapplethorpe die Künstlerin mit einem riesigen Phallus, den sie lachend unter dem Arm trägt. "La fillette" - "Mädchen" heißt diese Skulptur - schaut man genauer hin, so erkennt man eine Vagina. Das Doppeldeutige des Geschlechts, mehr noch als für Bellmer, spielt es bei Bourgeois eine Rolle: ein großes Wesen aus brauner Jute gefertigt, liegt auf einem Bett, es hat zwei Köpfe, die sich ansehen, es ist zweigeschlechtlich. Fantastische Formen in Bronze zeigen weiche, hängende Formen - Vulva und Eichel in einem. Viele der Skulpturen von Bourgeois hängen im Raum, sie werfen Schatten, existieren verdoppelt. Auch Beinprothesen sind darunter und manche der weiblichen Stoffpuppen tragen Holzprothesen oder ihnen fehlen die Arme - die Frau als amputiertes Geschlecht, das im Werk von Bourgeois dennoch immer wieder als Göttin bezeichnet wird.
Das Motiv der antiken Artemis, der Göttin der Jagd und Fruchtbarkeit, die die Römer Diana nannten, erscheint im Werk beider Künstler. Geschmückt mit zahlreichen Eiern - oder sind es Brüste oder Hoden? -erscheint es in zeitgemäßer Form im Werk beider Künstler. Bei Bellmer reduziert sich das Motiv auf einen Kreisel aus Brüsten, bei Bourgeois sind es haufenartige Gebilde aus Silikon, die aus Brustformen oder hoch wachsenden Penissen zu bestehen scheinen. Aus Silikon formt sie eine Landschaft aus rosa Zitzen, immer wieder verfließen die Übergänge zwischen den beiden Geschlechtern. Double Sexus, das doppelte Geschlecht, ist Chiffre für Konflikt und Erlösung, die bei Bellmer zur fotografischen Darstellung einer Gekreuzigten führen, bei Bourgeois etwa zur Skulptur einer kugelförmigen Weltgöttin aus blauem, genähtem Wollstoff mit dem Titel "Endless Pursuit / Endloses Streben" (2000).
Die Idee zur Ausstellung geht auf Museumsdirektor Udo Kittelmann zurück, kuratiert wurde das Projekt von Kyllikki Zacharias und Silke Krohn. Double Sexus ist thematisch gegliedert und findet in einem angenehmen Halbdunkel statt, das die Atmosphäre einer Wunderkammer kreiert. Paravents aus Gitterwänden trennen und verbinden die Arbeiten, die den eigenen Sammlungen entnommen und weltweit entliehen wurden - so auch direkt aus dem Atelier von Louise Bourgeois. Es ist das erste Mal seit Eröffnung des Museums vor zwei Jahren, dass im Haus eine Sonderausstellung gezeigt wird. Mit dieser wunderbaren Präsentation wird Hans Bellmer in der Stadt, in der er seine künstlerische Laufbahn begann und die er wegen der Nazis verließ, in den Rang gesetzt, der ihm zusteht - mit ihr wird zugleich der großen Louise Bourgeois gedacht, die am 31. Mai 2010, fast hundertjährig, in New York verstarb.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen mit zahlreichen Abbildungen, literarischen Texten von Elfriede Jelinek und Henry Miller sowie Einführungstexten von Silke Krohn und Kyllikki Zacharias,
Distanz Verlag. 160 S., Preis: 39,90 Euro, ISBN 978-3-89955-403-8.

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