Anmerkungen zu Mariana Vassilevas Videoarbeiten ⁄ von Peter Funken


Die eigene Geschichte, der Blick auf erlebte Wirklichkeit, die Beziehung zu den Menschen und zur Natur - dies sind Themen der Videos der Berliner Künstlerin Mariana Vassileva. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie mit dem bewegten Bild und immer wieder gelingen ihr außergewöhnliche Darstellungen, magische Bilder, poetische Momente und eindrucksvolle Beschreibungen der Welt, in der wir leben.

Mariana Vassilevas erste Videoarbeiten - so etwa die Filme „Definition” und „Journal” - handeln von Nähe und Distanz zu einer Gesellschaft und ihrer Realität, in die die Künstlerin von Bulgarien kommend, in die Kunstmetropole Berlin übersiedelte.
Bei „Journal” 〈2000〉 berührt und streift die Hand der Künstlerin permanent Zäune, Gitter, Geländer, Mauern und andere Barrieren, die sie von den dahinter liegenden Gebieten trennen und fernhalten. Es ist ein Blick von außen - oft erkennt man hinter den Zäunen große Baustellen, wie sie nach dem Mauerfall in Berlin überall anzutreffen waren, doch entstand dieses Video auch in New York.
Das Video „Journal” besitzt die Struktur einer komplexen Montage, es ist tatsächlich ein filmisches Journal, denn der Film zeigt nicht nur unterschiedliche Orte, sondern auch Aufnahmen aus verschiedenen Jahreszeiten. Demnach sind die trennenden Barrieren überall immerwährend anwesend. Von daher verschmelzen im Film alle gezeigten Orte zu einem einzigen. Und doch ist dies kein fiktiver Ort, vielmehr ist es der reale Ort der persönlichen Existenz und Erfahrung der Künstlerin.
Die Charaktereigenschaft von „Journal” besteht in der Darstellung von Ausgrenzung, der Herstellung von Distanz, nicht jedoch in der einer Teilhabe. „Journal” beschreibt etwas Totales und Absolutes - immer bleibt die Hand an der Peripherie, nie überwindet ihre Besitzerin die Barrieren, nie erreicht sie das umzäunte Zentrum. Dennoch besitzen die Barrieren eine große Differenzierung, sie sind so unterschiedlich, wie der Sound, der entsteht, wenn die Hand über sie streift. Im Film entsteht so die Vorstellung einer Wirklichkeit, in der Abschottung allgegenwärtig ist und Ausgrenzung permanent geschieht.

Anders hingegen Vassilevas Video „Reflection” 〈2006〉, denn das dort gezeigte Geschehen handelt von einer gelungenen Kontaktaufnahme: Von der Liegewiese im Berliner Mon Bijou Park senden Sonnenbadende mit kleinen Spiegeln Lichtsignale in Richtung der filmenden Künstlerin. Das Aufblitzen und Gleißen der Lichtreflexe ist schön und jedes einzelne Signal berichtet von dem Versuch, eine Distanz zu überbrücken, in Verbindung zu treten.
Bereits vor „Reflection” hat Mariana Vassileva bei dem Video „Mirrorlight” 〈2005〉 mit Spiegelreflexen gearbeitet, als sie zufällige Passanten in verschiedenen Bezirken Berlins „blendete”. Auch hier ging es um Kontaktaufnahme, aber die Reaktionen der Personen darauf fielen unterschiedlich aus - manche Passanten fühlten sich gestört, während andere die Lichtirritation freundlich oder amüsiert kommentierten.

Viele ihrer Videos der letzten Jahre entstanden auf Reisen, die die Künstlerin zum Beispiel nach Australien, Neuseeland, Kolumbien, Mexiko, Chile, Brasilien, Spanien, Israel oder Bulgarien führten. Ihre Wahrnehmung, ihr Blick auf Menschen und Städte, Kulturen, soziale Situationen und Natur sprechen von einer besonderen Anteilnahme an den Wesen, dem Geschehen und der Welt, auf die Mariana Vassileva trifft. Hannah Arendts Anspruch „Ich will verstehen” gilt auch für Vassilevas Haltung dem Fremden gegenüber zu. Wenn sie filmt, dann geht es ihr um Erkenntnis und Zugehörigkeit: so lösten die Begegnung mit einer Familie in Bogota, Flughunde im Zentrum von Sydney oder ein heiliger Berg in der australischen Steppe Ideen und Konzepte für Videoarbeiten aus. Die Künstlerin registriert das Neue und Außergewöhnliche einer Situation - etwa die elegante „ Choreografie” mexikanischer Verkehrspolizisten, Straßenmusiker und streunende Hunde in Chile oder die Erzählung eines Ureinwohners in Australien.

Die Welt, das sind die persönliche Begegnungen, das Besondere im Alltag, Details und Momente, die sie berühren, überraschen und einfangen - keineswegs aber touristische Sensationen. Filmen und Reisen gehören demnach zusammen, sie sind für Mariana Vassileva Formen der Annäherung, Kontaktaufnahme und Kommunikation. Ihr Blick auf die vorgefundene Realität ist ein unvoreingenommener, ein fast kindlich überraschter Blick. Doch entstehen ihre Videos keineswegs ausschließlich auf Reisen. Wichtig sind ihr aber immer die unmittelbare Begegnung und der erste, unverbrauchte Blick auf Situationen und Ereignisse. Gerade dies macht ihre Videos so glaubwürdig, berührend und überzeugend.

Mit ihren Arbeiten fokussiert Mariana Vassileva eine Welt in der Globalisierung.
Durch die Kunst und durch das Filmen findet sie heute überall auf der Welt Anschluß. Deshalb kann sie fast überall daheim sein, selbst wenn sie unterwegs ist. Und doch beschäftigt sie sich in ihren Arbeiten auch immer wieder mit der eigenen Herkunft und Sozialisierung. So zum Beispiel in dem 2011 entstandenen Video „Never carry two watermelons under one arm”, in dem sie Aussprüche und Weisheiten ihrer Großmutter in kurze filmische Szenen übersetzt: beim Versuch, zwei Melonen mit einem Arm zu ergreifen, scheitert die Künstlerin. Wie es die Großmutter voraussah, fallen die Melonen zu Boden, doch ist es wichtig gewesen, diese Erfahrung selbst zu machen, und nicht auf die Erkenntnis einer anderen zu vertrauen. Mit der Übertragung sprachlicher Metaphern in bewegte Bilder, entstehen in diesem Video komische und ironische Momente.

Dem Gedanken des Miteinanders, der sich in vielen Filmarbeiten Vassilevas vermittelt, steht die Beobachtung von Einsamkeit und Melancholie gegenüber. In ihrem 2009 an der spanischen Atlantikküste entstandenen Video „Light House” entwickelt sich eine geradezu tragische Atmosphäre; dies vor allem durch grandiose Aufnahmen einer düster-schroffen Küste und die Musik von Edvard Grieg und Alva Noto. Der Protagonist des Films versucht den Ozean zu dirigieren, doch ist er, wie eines der letzten Bilder zeigt, nur ein einsamer, winziger Punkt im Universum. Auch in diesem Video gibt es ein Lichtsignal, das von einem Leuchtturm ausgestrahlt wird, doch scheint es darauf keine Antwort zu geben. Übrig bleibt allein ein verlassener Mann auf den Klippen Asturiens, der an die melancholischen Figuren des romantischen Malers Caspar David Friedrich denken läßt.

Die Videos von Mariana Vassileva sind Kunstvideos, die Szenen erfassen und vorstellen, ohne narrativ zu sein. Es gibt keine Erzählstruktur im konventionellen Sinn, keine Einführung in eine Handlung, wohl einen Anfang und ein Ende - dazwischen eine Entwicklung von Gefühlen und Atmosphären. Die filmische Sequenz spricht für sich, sie wirkt zuweilen wie ein gemaltes Bild, das dann aber seine Überzeugungskraft aus der dynamischen Bewegung erhält, und nicht aus einer statischen Komposition, die doch ein Gemälde auszeichnet. Die Grenze zwischen gemaltem und bewegtem Bild tangiert Mariana Vassileva mit ihrem Video „Milkmaid” 〈2006〉, wenn sie aus dem Vorgang des Milchausgießens eine die Unendlichkeit streifende Handlung macht. Diese Arbeit erscheint wie eine Hommage an die Malerei Jan Vermeers und die Schönheit, die mit seiner Kunst in die Welt gekommen ist. Das immerwährende Flie&# 223;en der Milch verweist auf den zeitlichen Charakter des Lebens, wie des Filmmediums. Mit diesem Vorgang wird bei „Milkmaid” die Polarität zwischen Bewegung und Ruhe erkennbar - und damit eine existentielle Dimension, die als Gegenbild zur Schnelllebigkeit der Jetztzeit zu verstehen ist.

Mariana Vassilevas Videoarbeiten vermitteln Einsichten und Erkenntnisse über die Verfasstheit und Komplexität der Welt in der Globalisierung. In authentischer Wahrnehmung stellen sie Fragen nach dem Standort des Individuums und seinem Verhältnis zur Gemeinschaft: „Ich will verstehen”, diese künstlerische Haltung Mariana Vassilevas begründet sich dabei vor allem in Respekt, fragender Unmittelbarkeit und persönlicher Anteilnahme gegenüber den Erscheinungen des Lebens auf diesem Planeten, die ihr begegnen, die sie wahrnimmt und im Vorgang des Filmens begreift.

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