"Das Wunder in der SchuhEinlegeSohle", 2015
„Das Wunder in der SchuhEinlegeSohle“

Eine Ausstellung mit Werken aus der Sammlung Prinzhorn

Museum Surreale Welten, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Staatliche Museen zu Berlin

27.11.2014 bis 6.4.2015

Es ist eine besondere Ausstellung, die sich vor unseren Augen auf türkisgrünen Wänden im Museum für Surreale Kunst entfaltet: „Das Wunder in der SchuhEinlegeSohle“ gibt mit über 120 Bildern und Skulpturen aus der Sammlung Prinzhorn einen eindrucksvollen Einblick in das Kunstschaffen psychisch kranker Menschen.

Die Sammlung entstand im Auftrag der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg und aufgrund der Sammeltätigkeit des Kunsthistorikers und Psychiaters Hans Prinzhorn (1886 - 1933) in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg. Insgesamt umfasst sie mehr als 6000 Werke psychisch Gestörter, vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, die diese vor der Jahrhundertwende und bis 1920 in Irrenanstalten herstellten. Auf dieser Grundlage publizierte Prinzhorn 1922 den umfangreichen Band „Die Bildnerei der Geisteskranken“. In der psychiatrischen Fachwelt fand das Werk kaum Resonanz, anders bei Künstler wie Kirchner, Klee und Kandinsky, besonders aber für die Surrealisten wurde das Buch eine Art Bilderbibel, das zeigte, wie Wahn, Vernunft, Irrsinn und Genie, Krankes und vermeintlich Normales zusammengehören.

Und tatsächlich, vieles, was die Berliner Ausstellung an vermeintlich Verrücktem vorhält, fand eine Entsprechung manchmal nur wenige Jahre später in der Realität von Gesellschaft, Wirtschaft und Kunst – etwa die Absurdität von Billionen-Geldnoten in der Weltwirtschaftskrise 1923, die Else Blankenhorn bereits 1908 in der Anstalt Konstanz zeichnend vorwegnahm, um mit ihren Scheinen, wie sie sagte, „die Erlösung beerdigter, aber nicht verstorbener Paare zu finanzieren“.

Die beklemmende Justiz- und Überwachungswelt, die der Gärtner Jakob Mohr Jahre vor Franz Kafka in seinen mit Schriften und Paragraphen übersäten Zeichnungen zeigte, hatte er wohl selbst erlebt, verbrachte Mohr doch viele Jahre wegen Gewaltverbrechen in geschlossen Anstalten. Auch fühlte er sich von Radiowellen bestrahlt, von elektrischer, magnetischer Strahlung geplagt. Seine Zeichnungen signierte er mit „König der Märtyrer und Kaiser der Kultur“.

Prinzhorn warf mit seinem Buch die Frage auf, ob psychisch Kranke tatsächlich künstlerisch arbeiten: zwar leben sie in ihrer Welt, doch sind die Grenzen zwischen dieser und dem sogenannt normalen Leben eher fließend denn stabil; eine Einfühlung in eine als bedrohlich erlebte Umwelt ist Kranken genauso gegeben wie Nichtkranken. Darauf wollte Prinzenhorn hinaus, als er eine „triebbasierte Ausdruckstheorie der Kunst“ entwickelte. „Die Irrenkunst“ empfahl der Autor sogar als Orientierung für einen Neubeginn der Kultur nach dem Schock des 1. Weltkriegs. Seine Theorie liest sich noch heute verständlich und aktuell; nie ging es ihm darum, moderne Künstler als gestört abzustempeln, wie es die Nazis später mit der Ausstellung „Entartete Kunst“ (1937) unternahmen, als sie Werke der Sammlung Prinzhorn in unmittelbare Nähe zu avantgardistischer Kunst rückten.

1922 beschäftigte Prinzhorn das Thema, wie man auf den „Zerfall des traditionellen Weltgefühls“ ausgelöst durch den Weltkrieg als Mensch reagieren kann – als psychisch Kranker, der die „Entfremdung seiner Wahrnehmungswelt als grauenhaftes, unentrinnbares Los erlebt“, oder als moderner Künstler, dessen Handeln als Akt zu begreifen ist, der auf „Erkenntnis und Entschluss“ basiert. „Zeitkunst“ und „Kunst der Geisteskranken“, so Prinzhorn, sind demnach nicht zu vergleichen, beide aber sind Reaktion auf den Zerfall einer Welt. Zwar wirft Prinzhorn die Frage auf, ob es eine Beziehung zwischen „schizophrener und dekadenter Gestaltung“ gibt, doch lehnt er eine Antwort darauf mit der Begründung ab, diese setze einen „Normbegriff“ voraus: „Bei einer rein psychologisch angelegten Untersuchung glauben wir auf eine Diskussion aller Wertprobleme verzichten zu sollen.“ (S. 345)

Aufschlussreich, dass Prinzhorn bereits 1922, Jahre vor den Nazis, den Begriff der „Entartung“ im Zusammenhang mit Kunst verwendet; ebenfalls, dass er ein „Werturteil“ aus wissenschaftlicher Objektivität ablehnt, denn im Nationalsozialismus wurde dieses Urteil dann wissenschaftlich, tatsächlich aber ideologisch-verbrecherisch und mit tödlicher Konsequenz gefällt: Mehr als 70.000 „Geisteskranke“ wurden in Deutschland nach 1939 bei der Aktion T4 ermordete, in ganz Europa waren es 300.000 !

Viele der in der Heidelberger Sammlung Vertretenen waren darunter; sie kamen in Hadamar und anderswo um, durch Gas, Giftspritzen oder an Hunger. Hans Prinzhorn starb 1933. Er, der André Gide übersetzte, mit Mary Wigman liiert und mit Thomas Mann gut bekannt war, gehört zu den herausragenden Intellektuellen der Weimarer Jahre. Prinzhorn wird als kompliziert, doch den Menschen freundlich zugewandt geschildert. Zum Lebensende war er isoliert, man sagt ihm eine Offenheit für die Ideen der Nazis nach, jedoch wird vermutet, dass er von diesen wahrscheinlich schon bald angewidert gewesen wäre.

Die Werke der Prinzhorn Sammlung beeindrucken durch ihre Ausdrucksintensität. Die Arbeiten sind zugleich fantastisch und realistisch, dem Wortsinn nach surreal, doch ebenso konkret bezogen auf die Wirklichkeit von Anstalt und Isolierung. Die Ausstellung in Berlin nähert sich den gestalterischen Phänomen, indem sie diesen Überschriften (und Texte) zuweist: „Norm/Abnorm“, „Blicke in und auf den Körper“, „Zwitterwesen“, „Erscheinungen, Zaubermächte“, „Signaturen, Willenskurven“, „Erstarrung“ oder „Botschaften und Zertifikate“.

Auch ohne solche Strukturierung begreift man, dass es bei dieser Art des Ausdrucks um höchst individuelle Mitteilungen geht, wobei das Bild, die Zeichnung oder Kleinplastik oft der Beschwörung dient. Meist bleiben die Darstellungen naiv, doch oft besitzen sie etwas Eindringliches - darin liegt ihre Kraft, ihr Zauber. Mit dieser Ausstellung kann man begreifen, dass Wahnsinn etwas Allgegenwärtiges und zutiefst menschliches ist, ebenfalls, dass sich die Irren im bildnerischen Ausdruck auf ihre Weise an aktuellen Diskursen, an Kultur, Zeitgeschehen und medialen Entwicklungen der eigenen Epoche orientieren.

Die Sammlung Prinzhorn besitzt in Heidelberg ein Ausstellungsgebäude. Harald Szeemann entdeckte die Sammlung 1963 mit seiner Berner Ausstellung „Bildnerei der Geisteskranken - Art Brut - Insania Pingens" für die Öffentlichkeit neu. Auch Jean Dubuffet - auf ihn geht der Begriff „Art Brut“ zurück - wurde durch die Sammlung Prinzhorn inspiriert. Er beharrte darauf, dass es „ebenso wenig eine Kunst der Geisteskranken gäbe, wie die der Magen- oder Kniekranken".

Prinzhorns Buch „Bildnerei der Geisteskranke“ ist als Faksimile im Internet einzusehen.

Zur Ausstellung ist ein Katalog im Verbrecher Verlag erschienen, der neben zwei Texten, zahlreichen Abbildungen u. die Lebensläufe der Ausstellenden enthält. 167 Seiten, 24,80 Euro, ISBN:978-3-95732-073-5.

© Dr. Peter Funken, Berlin 2015.

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